Am Montag ist es mir gelungen, auf der Polizeibehörde einen mittleren Verwaltungsakt auszulösen, indem ich ohne Personalausweis und ohne Reisepass meine Wohnung anmelden wollte. Ich holte dann die Rechnung der deutschen Botschaft über die Ausstellung eines biometrischen Reisepasses hervor. Das hatte zur Folge, dass erst mal eine Deutsch sprechende Mitarbeiterin gesucht werden musste, um deren Korrektheit zu bestätigen. Allgemein scheinen die Spanier bei aller Lockerheit eine große Vorliebe für Bürokratie zu haben.
Der Rest der Woche war geprägt von Besuchen bei Kathis sehr unterhaltsamen spanischen Mitbewohnern und einigen Konzerten (unter anderem der Gruppe Dover) im Rahmen der Fiestas auf dem Plaza Mayor:
Außerdem hat sich meine Vermutung bezüglich spanischer Manieren bestätigt. Dass der Spanier an sich selten danke beziehungsweise gracias sagt, wurde im Unterricht thematisiert: Es gilt hier als sehr schmierig, häufig danke zu sagen, und dass Bedanken für Alltäglichkeiten wird - wenn überhaupt - mit einem Lächeln geregelt.
Da hat man zu Hause jahrelang daran geareitet, sich sein bayrisches Grantlertum abzugewöhnen, und jedesmal danke zu sagen, wenn die Bedienung eine Bestellung entgegennimmt, ein neues Glas bringt, einen neuen Teller bringt, ein Glas mitnimmt, einen Teller mitnimmt, den Tisch abwischt, die Kerze anzündet, die Rechnung bringt, etc. und jetzt schaut einen der Kellner jedes mal schief an, wenn man sich bedankt. Die Welt ist ungerecht.
Da ich mir außerdem schon angewöhnt habe, wie die Einheimischen bei den Fiestas meinen leeren Plastikbecher einfach fallen zu lassen und in der Tapas-Bar die Serviette auf den Boden vor der Bar zu werfen (je mehr Servietten am Boden, desto besser übrigens die Bar), könnt ihr euch bei meiner Heimkehr schon mal auf meine schlechten Manieren freuen.
Vom Wecker um sechs Uhr aus dem schönsten Schlaf gerissen, traf ich mich um kurz nach sieben mit María, meiner Mentorin, um um zehn in Madrid und damit um elf bei der deutschen Botschaft zu sein. So eine Botschaft ist übrigens furchtbar unspektakulär: Nach dem Gang durch so ein Flughafenteil und der Durchsuchung unserer Taschen fanden wir uns in einer gewöhnlichen deutschen Amtsstube wieder, wo ich dann einen Reisepass beantragte, der mir hoffentlich innerhalb der nächsten drei Wochen nach Valladolid geschickt wird. Das einzige, was stört, ist, dass der Staat jetzt meine Fingerabdrücke hat.
Nach einem Kaffee und der Puerta del Sol trafen wir uns mit Igor und den Belgiern, die mittlerweile auch etwas ausgeschlafener aus Valladolid angekommen waren, um den Palacio Real und einige weitere Gebäude aufzusuchen.
Am Freitag begannen dann die Fiestas de la Virgen de San Lorenzo, das jährliche Stadtfest Valladolids. Glücklicherweise waren wir über den ungefähren Ablauf des Eröffnungsabends vorgewarnt und zogen somit in älterer Kleidung und jeder mit einer Plastikflasche Calimocho, einem Mischgetränk aus Tetrapak-Rotwein und Cola, bewaffnet in Richtung Plaza Mayor.
Dort spielte sich dann in etwa folgendes ab: Nachdem sich die Jugendlichen Valladolids in sogenannten Peñas, kleinen Gruppen von circa fünf bis fünfzehn Leuten der selben Straße, Schule, Firma oder sonstwas, zusammengeschlossen hatten, zogen sie in Gemeinschafts-T-Shirts mit einem Einkaufswagen voll mit einigen Behältern des oben genannten Calimocho ins Stadtzentrum, wo dann die große Schlacht begann.
Nachdem ich glücklicherweise nur wenige Spritzer abbekommen habe, ging es anschließend in einer Bar mit einigen Einheimischen, Belgiern und Deutschen und zwei sehr großen Behältnissen Calimocho weiter. Als wir dann weiterzogen, gelang es mir leider nicht, mich höflich nach Hause zu verabschieden und so wurde ich von Alfonso, einem Spanier als big person bezeichnet. Der Versuch, ihm die Missverständlichkeit seines Kompliments zu erkären scheiterte in Ermangelung der Kenntnis des spanischen Wortes für Übergewicht. In der dritten Bar ließ ich mich bei meinem verzweifelten Veraschiedungsversuch zu einem weiteren Drink überreden, woraufhin Igor, der Überredungskünstler, meinte, ich wäre ein sehr guter Spanier. Die Flucht gelang um 2.30 Uhr.
Der Samstag Morgen begann um 6.45 Uhr mit dem Selbstvorwurf, wie man denn nur so blöd sein könne, aus Tetrapaks stammenden Rotwein zu trinken - vor allem wenn man sich für den nächsten Tag für einen Ausflug nach Toledo angemeldet hatte. Trotzdem brachen wir, einige Erasmus-Studenten, dann gemeinsam mit einigen Teilnehmern des überwiegend von Asiaten und Brasilianern besuchten internationalen Sprachkurses sowie deren Lehrer zur dreieinhalbstündigen Busfahrt auf, die sich wieder erwarten komplett gelohnt hat. Toledo, das eine wichtige Rolle in der mittelalterlichen Geschichte Spaniens gespielt hat, ist ein wunderbares historisches Bergstädtchen umgeben von einer Landschaft, die einer etwas trockeneren Version der Toskana entspricht:
Nach der Rückkehr galt es noch die am zweiten Abend der Fiestas stattfindende Technoparade zu besichtigen. Hier der Wagen von Real Valladolid:
Morgen ist hier erstmal Feiertag - vermutlich der religiöse Gedenktag der Virgen - und ich werde, denke ich, die Zeit finden, ein paar Worte über Sprachkurs, Sprache und die Leute an sich zu schreiben.
Vorgestern bin ich in Madrid gelandet, um dann erstmal auf dem Weg vom Flughafen zum Busbahnhof meinen Geldbeutel mit fast allen wichtigen Dokumenten zu verlieren. Hab dann mit tatkräftiger Unterstützung von Johannes und Johannes sämtliche Karten sperren lassen und online eine Busfahrkarte bestellt.
Als ich dann mit zwei Stunden Verspätung im Bus saß, galt es, meine Pension und Lidia, eine Freundin von María, meiner Tutorin, über meine verspätete Ankunft zu informieren und mit Johannes einen kleinen Bargeldtransfer via Western Union zu organisieren.
In Valladolid angekommen wurde ich von Lidia und ihrer Freundin Angela abgeholt und konnte nach wortgewaltiger Unterstützung durch Angela sogar ohne Personalausweis mein Pensionszimmer beziehen.
Nachdem die zweite Halbzeit schon angebrochen und meine Laune sowieso unpassend war, verzichtete ich auf meinen ursprünglichen Plan, das Spiel Atlético Madrid gegen Schalke 04 in einer Bar zu verfolgen. War vermutlich auch besser so. Stattdessen habe ich dann den Abend damit verbracht, meine Eltern durch den Bericht über meine Situation in helle Aufregung zu versetzen - Tschuldigung, Mutti - und möglichst viele Daten von meinen beiden Mobiltelefonen und meinem Laptop zusammmenzuziehen, wobei es mir glücklicherweise gelang, meine Personalausweisnummer herauszufinden, die das zentrale Fetischobjekt sämtlicher spanischer Einrichtungen und Unternehmen zu sein scheint.
Gestern habe ich dann, den von Johannes am Vortag beauftragten Bargeldtransfer nach einiger Diskussion und Identifikation durch meinen Führerschein - der scheint Spanier deutlich weniger anzumachen als so ein Personalausweis mit Nummer - sowie mehreren Telefonaten mit Western Union in einer Bank entgegengenommen.
Anschließend galt es dringenst eine Flasche Wasser zu kaufen. Ich habe dann sogar eine Flasche geschenkt bekommen, da mir die Ladenbesitzerin nicht auf einen Fünfziger rausgeben konnte.
Danach habe ich ein wenig die Stadt (sehr hübsch ürigens, siehe oben) erkundet, gefrühstückt und mich mit Lidia und Igor, der gemeinsam mit den drei bisher genannten Mädels Chemie studiert, an der naturwissenschaftlichen Fakultät (bockhässlich übrigens, siehe unten) getroffen und zuerst das Auslandsamt der Uni zwecks Meldung meiner Ankunft, und dann die Ausländerpolizei, um den Verlust und möglichen Diebstahl meines Geldbeutels zu melden, aufgesucht. Lidia hat mir dann noch ihre Zugangsdaten für das Uni-WLAN gegeben, nachdem ich die meinigen erst bei meiner Immatrikulation im November erhalten werde.
Heute habe ich ebenfalls über Western Union Geld von meinen Eltern erhalten, womit mein Überleben für die nächsten Tage gesichert wäre.
Als nächstes werde ich mich zum akademischen Auslandsamt begeben, die mir bei der Wohnungssuche behilflich sein werden. Für heute Abend haben mir Igor und Lidia angeboten, mir die "Stadt beizubringen". Und nächste Woche werde ich einen Tagesausflug nach Madrid unternehmen, um unter anderem einen Reisepass bei der deutschen Botschaft zu beantragen.